Wir nehmen das zum Anlass, um in den kommenden Wochen auf vier Schwarze Frauen aufmerksam zu machen, deren Innovation, Mut und Wissen die Welt verändert hat. Wenn du auf die Namen klickst, erhältst du Input zu einer Persönlichkeit, die unsere Gesellschaft geprägt hat und bis heute prägt. Jede Woche erscheint ein neuer Beitrag.
Kimberlé Crenshaw
Kimberlé W. Crenshaw ist Juristin, Wissenschaftlerin und Autorin und zählt zu den prägendsten Stimmen des intersektionalen Feminismus. Sie lehrt an der Columbia Law School sowie an der University of California, Los Angeles. In ihrer Arbeit verbindet sie kritische Rassentheorie, Schwarzen feministischen Rechtsansatz
und Bürgerinnenrechtsarbeit mit politischem Aktivismus. Im Zentrum steht dabei stets die Frage, warum bestimmte Diskriminierungserfahrungen – insbesondere
die Schwarzer Frauen – im Rechtssystem und in gesellschaftlichen Debatten unsichtbar bleiben.
Die Entstehung des Konzepts der Intersektionalität
Crenshaw prägte den Begriff Intersektionalität, um zu beschreiben, wie sich Diskriminierungen aufgrund von rassistischen Zuschreibungen und Geschlecht nicht getrennt, sondern gleichzeitig und miteinander verwoben auswirken. Diskriminierung trifft Menschen nicht nacheinander, sondern zur selben Zeit. Wie Crenshaw es sinngemäß beschreibt, wird man nicht erst von Rassismus und dann von Sexismus überfahren, sondern von beidem gleichzeitig.
Ein zentrales Beispiel hierfür ist der Gerichtsfall Emma DeGraffenreid gegen General Motors aus dem Jahr 1976. Schwarze Frauen klagten wegen Diskriminierung, da ihnen der Zugang zu Arbeitsplätzen sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch aufgrund rassistischer Zuschreibungen verwehrt wurde. Das Gericht wies die Klage ab, da die Erfahrungen der Klägerinnen weder mit denen weißer Frauen noch mit denen Schwarzer Männer übereinstimmten. Genau hier zeigte sich ein gravierendes Versäumnis des Antidiskriminierungsrechts: Schwarze Frauen fielen durch das Raster, weil ihre Mehrfachdiskriminierung rechtlich nicht anerkannt wurde. Aus dieser Unsichtbarkeit heraus entwickelte Crenshaw den Begriff der Intersektionalität.
Intersektionaler Feminismus als politisches Projekt
Für Crenshaw ist Intersektionalität kein Selbstzweck und keine bloße Wortschöpfung. Sie versteht intersektionalen Feminismus als ein politisches Projekt, das darauf abzielt, Machtverhältnisse grundlegend zu verändern. Dabei geht es nicht um das bloße Benennen von Identitäten, sondern um die Institutionen und Strukturen, die Identität nutzen, um Menschen zu privilegieren oder auszuschließen.
„A truly intersectional feminism can reach everyone on the planet.“
Mit ihrem Zitat macht Kimberlé deutlich, dass Feminismus nur dann alle Menschen erreicht, wenn er bei den strukturell am stärksten marginalisierten ansetzt. Gleichberechtigung entsteht nicht an der Oberfläche, sondern durch das konsequente Hinterfragen und Überwinden verwobener Herrschaftsverhältnisse.
#SayHerName
Ein zentraler Schwerpunkt von Crenshaws Arbeit ist das Sichtbarmachen von Gewalt gegen Schwarze Frauen* und Mädchen. Gemeinsam mit dem von ihr mitbegründeten African American Policy Forum (AAPF) veröffentlichte sie das Buch Say Her Name: Resisting Police Brutality Against Black Women. Daraus entstand die #SayHerName-Kampagne, die darauf aufmerksam macht, dass auch Frauen* bei Polizeieinsätzen getötet werden – ihre Namen und Geschichten jedoch häufig aus öffentlichen Debatten gelöscht werden.
Crenshaw betont, dass Intersektionalität allein keine unsichtbaren Körper sichtbar macht. Worte müssen von konkreten politischen Maßnahmen begleitet werden. Intersektionale Arbeit erfordert Verantwortung, Ressourcen und den Willen, bestehende Machtverhältnisse zu verändern – insbesondere dort, wo Frauen und Mädchen of Color systematisch benachteiligt werden.
Die Bedeutung von Crenshaws Arbeit
Fast dreißig Jahre nach der Veröffentlichung ihres grundlegenden Textes „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ ist Crenshaws Arbeit weiterhin von zentraler Bedeutung. Ihr Konzept hat Sprache geschaffen für Erfahrungen, die zuvor kaum benannt werden konnten, und dient bis heute als Werkzeug für Empowerment, politische Organisierung und Widerstand.
Intersektionalität erinnert daran, dass soziale Bewegungen nur dann gerecht und tragfähig sind, wenn sie die komplexen Lebensrealitäten Schwarzer Frauen konsequent ins Zentrum stellen – nicht als Randnotiz, sondern als Ausgangspunkt für gesellschaftlichen Wandel.
Quellen
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Valerie Thomas
Valerie L. Thomas wurde im Februar 1943 in Maryland geboren. Schon als Kind zeigte sie eine große Neugier für Technologie und Elektronik. Obwohl sie früh begann, sich für technische Zusammenhänge zu interessieren, wurde sie während ihrer Schulzeit nicht gezielt dazu ermutigt, naturwissenschaftliche oder mathematische Schwerpunkte zu setzen. Naturwissenschaften galten nicht als zentrales Feld für Frauen. Ihre technische Begabung blieb daher lange unbeachtet.
Akademischer Weg und Einstieg bei der NASA
Erst im College änderte sich diese Situation. Valerie Thomas studierte Physik an der Morgan State University und war eine von nur zwei Frauen in ihrem Studiengang. Sie schloss ihr Studium 1964 mit einem Bachelor-Abschluss ab. Durch ihre starken mathematischen Fähigkeiten begann sie anschließend ihre Arbeit bei der NASA als mathematische Datenanalystin und war zunächst an der Auswertung wissenschaftlicher Satellitendaten beteiligt.
Arbeit an Satellitentechnologie und Bildverarbeitung
Im Laufe ihrer Karriere übernahm Thomas zunehmend verantwortungsvolle Positionen bei der NASA. In den 1970er Jahren war sie an der Entwicklung der Bildverarbeitungssysteme für Landsat beteiligt, den ersten Satelliten, der multispektrale Bilder der Erde zur Erforschung natürlicher Ressourcen lieferte. Sie leitete außerdem das Large Area Crop Inventory Experiment. Dieses untersuchte, wie Satellitenbilder zur Überwachung von Ernteerträgen genutzt werden können.
Die Erfindung des Illusionstransmitters
1976 wurde Valerie Thomas auf einer wissenschaftlichen Ausstellung auf eine optische Illusion aufmerksam: Eine Glühbirne schien frei im Raum zu schweben, erzeugt durch den Einsatz eines konkaven Spiegels. Diese Beobachtung weckte ihre Neugier. Sie begann zu experimentieren und untersuchte die Beziehung zwischen Objekten und ihren real wirkenden Spiegelbildern.
Aus diesen Experimenten entwickelte sie den Illusionstransmitter. Das ist ein System, welches mithilfe konkaver Spiegel realistisch wirkende dreidimensionale Bilder erzeugen und übertragen kann. 1980 erhielt sie dafür ein Patent. Die Technologie wurde später von der NASA in der Satellitentechnik eingesetzt, insbesondere im Zusammenhang mit der Bildübertragung und -darstellung.
Bedeutung und berufliches Vermächtnis
Valerie Thomas arbeitete bis zu ihrer Pensionierung 1995 bei der NASA. In dieser Zeit war sie unter anderem Projektleiterin des Space Physics Analysis Network (SPAN) und stellvertretende Leiterin des Space Science Data Operations Office. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Goddard Space Flight Center Award of Merit und die NASA Equal Opportunity Medal.
Auch nach ihrer aktiven Laufbahn engagierte sich Thomas für die Förderung junger Studierender und unterstützte Organisationen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Ihr Vermächtnis liegt insbesondere in der Entwicklung des Illusionstransmitters – einer Erfindung, die zeigt, wie innovative Ideen aus Neugier, wissenschaftlicher Beobachtung und technischer Präzision entstehen können.
“Because life just happens, and when it does, how you handle it will teach you more about who you are than any class or test ever can. The best preparation for the rest of your life is, maybe, no preparation at all. Dive right in. Make mistakes.”
Valerie Thomas
Quellen
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Etta Zuber Falconer
Etta Zuber Falconer wurde am 21. November 1933 in Tupelo, Mississippi, geboren. Sie wuchs in einer Familie auf, die Bildung einen hohen Stellenwert beimaß, und besuchte zunächst eine segregierte Schule. Ihr mathematischer Weg führte sie an die historisch Schwarze Fisk University in Nashville, wo sie 1953 ihr Studium der Mathematik mit einem Bachelor-Abschluss summa cum laude abschloss. Zu ihren Lehrerinnen gehörte Evelyn Granville, eine der ersten Schwarzen Frauen mit einem Doktortitel in Mathematik. Anschließend erwarb Falconer einen Masterabschluss in Mathematik an der University of Wisconsin–Madison.
Lehre, Forschung und Promotion
Nach ihrem Masterabschluss begann Falconer ihre Laufbahn als Lehrerin und unterrichtete mehrere Jahre an verschiedenen Bildungseinrichtungen. Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit setzte sie ihre eigene akademische Ausbildung fort. 1969 promovierte sie an der Emory University in Atlanta in Mathematik. Mit diesem Abschluss wurde sie zur elften afroamerikanischen Frau, die einen Doktortitel in Mathematik erhielt. Ihre Forschung beschäftigte sich mit Quasigruppen, einem Spezialgebiet der algebraischen Mathematik.
Wirken am Spelman College
Den größten Teil ihrer beruflichen Laufbahn verbrachte Falconer am Spelman College in Atlanta, einem historisch Schwarzen Frauencollege. Dort lehrte sie Mathematik, war Vorsitzende der Mathematikabteilung und später Leiterin der naturwissenschaftlichen Fachbereiche. In diesen Rollen setzte sie sich gezielt dafür ein, Studiengänge in Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik auszubauen und strukturell zu stärken.
Einsatz für Schwarze Frauen in Mathematik und Naturwissenschaften
Im Mittelpunkt von Falconers Arbeit stand die Förderung Schwarzer Frauen in der Mathematik und in mathematikbezogenen Berufen. Während ihrer Zeit am Spelman College stieg der Anteil der Studentinnen in Mathematik, Naturwissenschaften und Ingenieurwesen deutlich an. Neue Fachbereiche wurden eingeführt, zusätzliche Studiengänge aufgebaut und ein eigenes Gebäude für die Naturwissenschaften geschaffen. Unter ihrer Mitwirkung erhielt das College umfangreiche Fördermittel von der National Science Foundation und der NASA, um als Modellinstitution für wissenschaftliche Exzellenz zu dienen.
Mentorin und Vermächtnis
Etta Zuber Falconer verstand sich nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern vor allem als Lehrerin und Mentorin. Sie entschied sich bewusst dafür, ihre Energie in die Ausbildung und Unterstützung Schwarzer Frauen zu investieren und ihnen Wege in mathematische und naturwissenschaftliche Karrieren zu eröffnen. Für dieses lebenslange Engagement erhielt sie kurz vor ihrem Tod den AAAS Mentor Award for Lifetime Achievement, der ihre Rolle beim Abbau von Barrieren aufgrund von rassisitischen Zuschreibungen und Geschlecht würdigte.
Etta Zuber Falconers Vermächtnis lebt in den vielen Frauen weiter, die durch ihre Lehre, ihre Mentorschaft und ihren Einsatz den Weg in die Mathematik und verwandte Berufsfelder gefunden haben.
Quellen
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Marie Van Brittan Brown
Marie Van Brittan Brown (1922–1999) war eine Schwarze Erfinderin, die mit ihrer Entwicklung des ersten Heimsicherheitssystems einen Meilenstein in der Sicherheitstechnologie setzte. Ihre Erfindung war das erste geschlossene Fernsehsicherheitssystem (CCTV) und legte den Grundstein für moderne Überwachungs- und Alarmsysteme, die heute in Häusern, Bürogebäuden und öffentlichen Einrichtungen weltweit genutzt werden. Browns Arbeit zeigt eindrucksvoll, wie Kreativität und Entschlossenheit individuelle Sicherheit und technologische Fortschritte nachhaltig verändern können.
Frühes Leben und Motivation
Brown wurde am 22. Oktober 1922 in Queens, New York, geboren. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der Schwarze Frauen in vielen Bereichen gesellschaftlichen Einschränkungen unterlagen. Schon früh zeigte sie Entschlossenheit, Probleme praktisch zu lösen. Brown arbeitete als Krankenschwester und hatte lange, unregelmäßige Schichten. Ihr Ehemann Albert Brown war Elektroniktechniker und ebenfalls häufig nicht zu Hause. In einem Viertel mit hoher Kriminalität fühlte sich Brown nachts oft allein und verletzlich. Da die Polizeipräsenz begrenzt und die Reaktionszeiten lang waren, entschied sie, eine technische Lösung zu entwickeln, die ihr und ihrer Familie mehr Sicherheit bot.
Die Erfindung des ersten Heimsicherheitssystems
1966 entwickelte Brown gemeinsam mit ihrem Ehemann ein System, das seiner Zeit weit voraus war. Es kombinierte mehrere Funktionen, die es ermöglichen sollten, das Zuhause sicher zu überwachen:
Videoüberwachung: Drei Gucklöcher in unterschiedlichen Höhen ermöglichten es, Besucher*innen jeder Körpergröße zu erfassen. Eine Schiebekamera konnte Bilder aufnehmen und an einen Monitor im Haus übertragen, sodass man sehen konnte, wer vor der Tür stand, ohne sie zu öffnen.
Zweiweg-Kommunikation: Mikrofone und Lautsprecher ermöglichten die direkte Kommunikation mit Personen draußen. So konnte Brown erkennen, ob jemand willkommen oder potenziell gefährlich war.
Fernsteuerung der Tür: Die Haustür konnte aus sicherer Entfernung ver- oder entriegelt werden, wodurch physische Nähe nicht erforderlich war, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Alarmfunktion: Bei einer Bedrohung konnte durch Drücken eines Knopfs sofort die Polizei oder Sicherheitsdienste alarmiert werden.
1969 erhielten Marie Van Brittan Brown und ihr Ehemann das Patent für ihr Sicherheitssystem (US-Patentnummer 3.482.037). Browns System war nicht nur eine technische Innovation, sondern auch ein Vorläufer der heutigen Heimsicherheitslösungen, die Videoüberwachung, Fernbedienung und Alarmfunktionen kombinieren.
Einfluss und Vermächtnis
Browns Erfindung wurde in mindestens 32 späteren Patentanmeldungen zitiert und inspirierte zahlreiche Weiterentwicklungen in der Sicherheitsbranche. Ihre Arbeit zeigt, wie technologische Innovation aus persönlicher Not heraus entstehen kann und wie wichtig kreative Lösungen in alltäglichen Lebensbereichen sind. Browns Beitrag war besonders bedeutend, da sie in einem von Männern dominierten technischen Bereich erfolgreich war und gesellschaftliche Barrieren überwand.
Marie Van Brittan Browns Lebenswerk ist ein Symbol für Entschlossenheit, Innovation und den Einsatz von Technologie für das Gemeinwohl. Sie machte nicht nur ihr eigenes Zuhause sicherer, sondern beeinflusste auch die Sicherheitsstandards von Häusern, Bürogebäuden und Banken weltweit. Ihr Vermächtnis inspiriert nach wie vor junge Menschen, insbesondere Schwarze Frauen, technische Herausforderungen anzunehmen und selbst Innovationen zu schaffen.
Anerkennung
Für ihre bahnbrechende Arbeit erhielt Brown Anerkennung vom National Scientists Committee und wurde 1969 in der New York Times vorgestellt. Ihr Patent und ihre Erfindung gelten als Meilenstein in der Geschichte der Sicherheitstechnologie, und ihre Ideen prägen noch heute moderne Sicherheitslösungen. Browns Lebensgeschichte verdeutlicht, wie Kreativität, Mut und praktische Problemlösungen zu bedeutenden gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen führen können.
Quellen
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