Hochschule Düsseldorf
University of Applied Sciences

​Nach dem Besuch der staatlichen Ingenieurschule Düsseldorf machte Wilfried Ehrlich Karriere:


Wie kamen Sie zum Ingenieurstudium?
 
Ich fang mal ein paar Jahre vor dem Abschluss an. Als junger Schulabgänger hatte ich noch nicht den gezielten Instinkt, was ich denn so im Leben wollte. Ich denke mal, ganz Junge. Daher absolvierte ich eine Lehre als Maschinenschlosser. Das brachte mich dem wahren Leben schon viel näher, erbrachte zumindest die Erkenntnis, dass das nicht mein Lebensinhalt bleiben sollte. Auf zur staatlichen Ingenieurschule zu Düsseldorf.
 
Wie haben Sie das Studium an der Ingenieurschule Düsseldorf und später an der Tu Berlin erlebt?
 
Wir hatten noch Lernen im Klassenverbund, Anwesenheitskontrolle, Schule eben. 1968 wurde uns ein Semester an der staatlichen Ingenieurschule aberkannt, weil wir uns damals für die Anerkennung des Ingenieur-Berufes in der Europäischen Union engagiert und dafür gestreikt haben. Die resultierende studienfreie Zeit haben wir zum Geld verdienen genutzt. Mein Freund und ich haben in einem Konstruktionsbüro als technischer Zeichner und später Detailkonstrukteur gearbeitet. Eine exzellente Erfahrung.
 
Letztendlich führte das dann zur Hochschulreform, in deren Verlauf die Ingenieurschule dann zur Fachhochschule wurde. 
 
Nach dem Abschluss als Ing. grad an der Ingenieurschule zogen drei Kommilitonen und ich nach Berlin, um dort an der TU das Studium des Wirtschaftsingenieurs aufzunehmen. Damals keine Bagatelle, da wir das komplette Studium mit Vordiplom absolvieren mussten. Gerade mal ein paar Übungsscheine wurden anerkannt. Das war noch sehr logisch, da unsere Ingenieurschule den Praktiker ausgebildet hat und die Uni die mehr wissenschaftliche Ausrichtung verfolgte. Nach 9 Semestern Turbo-Lernen hatten wir dann stolz das Diplom der TU Berlin als Dipl.-Wi.-Ing in der Hand. Was kostet die Welt, wir kommen.
 
Und wie ging es dann weiter mit der praktischen Umsetzung?
 
Uns drei zog es in die weite Welt hinaus. Einer wurde Professor in Maschinenbau, einer ging nach Japan und wurde später Mitglied des Vorstands eines großen Automobillieferanten und mich spülte es in die Arme des Weltkonzerns General Motors, anfänglich zu Opel nach Rüsselsheim. Mit dem Background als Fertigungsingenieur und nun Wirtschaftsingenieur fühlten wir uns als eierlegende Wollmilchsau. Wir können alles!!!! Heute sagt man dazu: Master of Business Administration (MBA). So war es dann auch.
 
Angefangen in der Produktionsvorbereitung, Arbeitsstudien, dann Produktions-Planung weltweiter Getriebe und Motorenfertigung, wurde ich auch für 1 Jahr in die USA, nach Michigan, zur Weiterbildung in GM-Betrieben und zum Studium am GM Institute geschickt. Zurück in Deutschland kam ich in die neue Europa Zentrale in Zürich, um dort für die Produktivitätsvergleiche der Europäischen Werke zuständig zu sein. Tolle Erfahrung.
Weitere Stationen waren dann Finanzwesen für europaweite „Make or Buy“-Analysen ganzer Fertigungsbereiche, Leitung der Logistik und Einkauf des Opel Werkes Kaiserslautern, danach wurde mir die Komplettverantwortung für das Motorenwerk in Kaiserslautern übertragen. Diese Kaiserslauterner Erfahrung sollte mir später noch von Vorteil sein.
 
Dann jedoch war der Vorstand der Adam Opel AG der Meinung, ich werde im Personalwesen gebraucht, um mit dem Sozialpartner Klartext zu sprechen und zu handeln. Gesagt, getan, so wurde ich dann Personalchef des Werks Rüsselsheim und setzte den damals ausgehandelten Überlebensplan um. (Wie sich später ja dann rausstellte, hat alleinige Kostenreduzierung nicht zum Erfolg geführt, da man die Produktseite der GM-Leute ganz vernachlässigt hatte.)
Im nächsten Schritt wurde ich zum Direktor der kompletten Fahrzeugfertigung in Rüsselsheim ernannt, 8000 Mitarbeiter hörten auf mein Wort (na ja, der größte Teil). Und dies wiederum qualifizierte mich zur kompletten Werksleitung des Werkes in Kaiserslautern. Welcome back!!!
 
Welche Fähigkeiten, die Sie im Studium gelernt haben, haben Sie denn dann auch im Beruf weitergebracht?
 
Ganz ehrlich? Nur ein ganz kleiner Teil Fachwissen, was gerade im Berufseinstieg gebraucht wurde. Später waren es dann Notwendigkeiten des analytischen Denkens, des Komplexität-vereinfachen-durch-Abstrahieren-wesentlicher-und-unwesentlicher-Fakten und des logischen Verknüpfens von korrespondierenden Daten. Das war ganz klar eine Erkenntnis aus beiden Studiengängen: Durch wissenschaftliches Arbeiten, theoretisches Denken in Hypothesen und durch das Erarbeiten von praxisbezogenen Lösungsansätzen zum Ziel kommen. Nach dem Motto: Es gibt immer eine Lösung!!! Eindeutig ein Vorteil der Maschinenschlosser-Lehre und Ingenieurschule.
Unser Werdegang – der Ursprung in der reinen praxisbezogenen Fertigungsingenieur-Ausbildung an der Ingenieurschule Düsseldorf in Verbindung mit dem Hochschulstudium in Berlin - hat uns die Fähigkeit gebracht, Planungsschritte zu durchdenken und Hindernisse durch hypothetisches Vorausdenken zu antizipieren. So konnten wir letztendlich eine erfolgreiche Umsetzung in die Praxis erreichen. Wir konnten die Sprache der Basis mit der Kommunikation zur Leitungsebene verbinden - man verstand uns auf dem „shop floor“, wir konnten Erkenntnisse/Projekte aber auch in den Vorstandsetagen „gut verkaufen“.
 
Bitte ergänzen Sie: Die nun in die (Fach)Hochschule transformierte Ingenieurschule Düsseldorf war für uns…
…die Basis unseres Erfolges. Ein Sprungbrett, wenn man so will. Springen mussten wir allerdings alleine.
 
Was fehlte Ihnen im Studium für die spätere Praxis?
 
Erst sehr viel später habe ich die späte Erkenntnis gewonnen, wie man Menschen führt und motiviert. Das haben wir leider in beiden Studiengängen nicht gelernt. Schade. Manchmal in schwierigen Situationen hatte ich das Gefühl, Psychologie studiert zu haben, wäre sicher besser gewesen - zumindest ein paar Vorlesungen wären hilfreich gewesen.
 
Wie beurteilen Sie aus Ihrer Erfahrung die heutige Ausbildung im Studium?


Zu Beginn meines Studiums gab es eine klare Aufteilung zwischen stärker praktisch orientierter Lehre in der Ingenieurschule (später Fachhochschule) und stärker wissenschaftlich geprägter Lehre an der Universität. Heute ist der Fokus in der jetzigen Ausbildung Bachelor und Master nicht so klar, eher vermischt. Als späterer Personalverantwortlicher habe ich die alte Aufteilung vermisst, da uns die Praktiker ausgingen. Die Theoretiker in die harte Praxiswelt einzusetzen, war schon eine Herausforderung. Leider an der Praxis vorbei ausgebildet. Es können eben nicht alle Manager werden. Wir brauchen auch Verantwortliche, die die Praxis beherrschen. ​​